Die erste Frau, die mir Führung auf Augenhöhe beigebracht hat

Gestern habe ich nach über 40 Jahren meine erste Klassenlehrerin wieder getroffen. Mit 86 Jahren ist sie topfit und wir waren über 3 Stunden ins Gespräch vertieft. Sie hat sich für mich kaum verändert und wir könnten direkt anknüpfen an damals. Das Gespräch war allerdings viel mehr als „Weißt Du noch damals…?“ Es ging sehr viel mehr in die Tiefe und ich habe ganz schnell festgestellt, welche wertvolle Grundlage sie mir damals schon mit Ihrer Haltung für mein späteres Leben mitgegeben hat.
Sie war für damalige Zeiten eine unkonventionelle Lehrerin, die ihre eigene Art hatte, mit uns kleiner Rasselbande umzugehen.
Motivation statt Bestrafung: Wir hatten keine „Klassenbucheinträge“, dafür gab es Motivation. Jeder hatte ein Schulheft, indem Aufkleber gesammelt wurden. Haben wir etwas besonders gut gemacht, dann durften wir uns aus einer Kiste Aufkleber aussuchen (ich habe besonders die mit Glitzer sehr geliebt). Die Folge: jeder von uns wollte unbedingt Aufkleber, nicht gemachte Hausaufgaben gab es so gut wie nie.
Potentiale erkennen und fördern: „Das Kind geht mal auf’s Gymnasium!“ sagte sie meinem Papa bereits als ich in der 1. Klasse war (der anderer Meinung war – Stichwort andere Generation, die Frau soll zuhause bleiben). Charmant und lächelnd hat sie ihn überzeugt, das Potential seiner Tochter zuzulassen.
In schwierigen Situationen zur Seite stehen: Als eine Mitschülerin mal keine Grundschulempfehlung für das Gymnasium erhalten sollte, obwohl sie das Potential dazu hatte, hat sie sich für die Schülerin und ihre Familie eingesetzt. Sehr zur Freude der Familie, den Ärger mit ihrer Schulleitung hat sie in Kauf genommen. Ergebnis: Meine Mitschülerin hat erfolgreich das Gymnasium absolviert.
Das ist nur ein Bruchteil der Geschichten, aber sie zeigen bereits deutlich, welche Werte sie mir damals schon vermittelt hat:
Gehe Deinen Weg, egal was andere sagen
Wenn Du von etwas überzeugt bist, setze Dich dafür ein
Behandle Menschen um Dich herum stets mit Wertschätzung und auf Augenhöhe
Gestern war sie richtig glücklich. Sie war beeindruckt von meinem bisherigen Lebensweg seit der Grundschule und stolz, ein bisschen etwas dazu beigetragen zu haben. Für mich aus heutiger Sicht war es nicht nur ein bisschen, sondern ein wertvoller Grundstein, den sie mir damals mitgegeben hat.
Immer wieder wird mir klar, wie wichtig verantwortungsvolle Führung ist. Das heißt nicht nur, Verantwortung zu übernehmen, sondern auch mal Wege zu gehen, die für uns selbst unbequem sind. Ich bin fest überzeugt, so manche heutige Führungskraft könnte sehr viel von ihr lernen, gleichwohl so mancher Schulleiter ihres Berufslebens sie durchaus als eine Herausforderung im Kollegium erlebt hat.



